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Beizjagdt mit Sperber

Beizjagdt mit Sperber

Beizjagd (Falknerei) nennt man die Jagdt mit Hilfe eines Greifvogels. Zur Kunst gehört neben der eigentlichen Jagdt auch das Abrichten und die Pflege des Greifvogel. Trotz des namens werden auch bei der Falknerei Habicht und Sperber eingesetzt. Die Falknerei wurde 2010 von der Unesco als “ Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menscheit auf genommen.  

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Max Kasparek berichtet 1989 in seinem Seminarbeitrag über „die Beizjagd in der Nordosttürkei: 

In der Nordosttürkei zwischen der sowjetischen Grenze und der Schwarzmeerstadt Rize wird heute noch eine sehr traditionsreiche Art der Beizjagd mit Sperbern betrieben. Sie wurde bereits von SANDWITH 1856 bechrieben, ihre Ursprünge reichen aber wohl noch weiter zurück. Mit Hilfe von Neuntötern werden Sperber gefangen, die dann zum Wachtelfang abgerichtet werden. Obwohl diese Methode weit verbreitet ist und fast als „Volkssport“ bezeichnet werden kann, liegen die wirklichen Gefahren nach einer ICBP (International Council for Bird Preservation) -Studie bei folgenden Punkten: (1) Die „Durchsatzrate“ der Sperber ist erschrekkend hoch und es werden laufend neue Sperber aus dem Freiland entnommen. (2) Die Ernährung der Sperber in Gefangenschaft erfolgt meist mit Greifvögeln, die entlang der Zugstraße geschossen werden. Verbote dieser jahrhundertealten Tradition sind wirkungslos. Bestrebungen zur Verbesserung der Situation sollten dahin gehen, daß zum einen die Durchsatzrate der Sperber erniedrigt wird (d.h. Verbesserung der Haltungsbedingungen), zum anderen aber, daß die Ernährung der Sperber nicht mehr mit bedrohten Vogelarten erfolgt. 

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Es ist zu bestätigen das diese Kultur und Tradition seit meheren hundert Jahren in unsere Stadt Arhavi ausgeübt wird. Und so auch ist mein Vater Ekrem Cebeci (82 jh) heute noch mit diesem Volkssport beschäftigt. Allerdings werden heute nur mit staatlichem Erlaubnis ( Jagdtschein) die Sperber ,unter der bedingung das man Sie am Ende der Wachtel Sasion wieder frei lässt, abgerichtet. Die Ernährung erfolgt nur noch mit Fleisch vom Metzger. 

Eben in meinen Interessen liegt es, in unserem Ort die Verbesserung der Haltungbedinungen dieser Tradition aber gleichzeitg auch die Einstellung der Bewohner zu den Greifvögeln zu ändern. Der Gute weg währe mit Vogelbeobachtungstouren, Touristen in unsere Stadt zu bringen. Was naturlich bei den Bewohnern die  Bewussheit zum Naturschutz und Avifaunaschutz stärken wird.  

Da mein Vater (Ekrem Cebeci) mit dieser Kultur vertraut ist , habe ich es öfters meinen Gästen erzählt. Herr Müller hat in seinem Reisebericht, u.a. auch diese Tradition sehr ausführlich beschrieben:   

Beizjagd mit Sperbern 

Während unserer Studienreise 2014 vom Schwarzen Meer bis zum Ararat wurden wir vom Reiseführer Ceyhun Cebeci begleitet, der uns kompetent mit Informationen fütterte. 

Unter anderem erzählte er uns ausführlich, wie er früher mit seinem Vater Ekrem Cebeci mit Hilfe von Sperbern Wachteln jagte. Damit sein spannender Bericht nicht vergessen wird, komme ich der Bitte nach, ihn schriftlich festzuhalten. 

Ende Juni, Anfang Juli werden zuerst Maulwurfsgrillen (für Insider Maulwurfwürmchen) gefangen. Diese Insekten besitzen grosse Grabschaufeln, leben unterirdisch wie Maulwürfe, besitzen in etwa die Körperform von grossen Grillen und erzeugen ähnliche Laute. Sie leben in feuchten Acker- oder Lehmböden. Um sie zu fangen, wird in die von ihnen gegrabenen Löcher Seifenwasser gegossen. Da sie das nicht mögen, kommen sie an die Erdoberfläche, wo sie dann eingesammelt  werden.  

Mit Hilfe dieser Maulwurfsgrillen werden dann den ganzen Juli über Neuntöter gefangen. Dies ist eine Vogelart aus der Familie der Würger, zu deren Nahrung vor allem Grossinsekten zählen. Zuerst wird eine Falle für den Neuntöter aufgestellt. Man nimmt ein Netz in Form einer Halbkugel. Am unteren Ende  vorne wird ein Stock so platziert, dass der Neuntöter darauf sitzen kann. Am hinteren Ende des Netzes ist die Maulwurfsgrille mit einer Schnur festgebunden. Vor ihr liegt ein Stück Erde, in die sie versucht sich einzubuddeln, was sie natürlich nicht schafft, aber fortlaufend versucht. Dabei ragt der vordere Teil des Insektes etwa 1 cm in die Luft. Am oberen Ende des Netzes ist weiterer Stock angebracht, an dem eine Schnur befestigt ist. Diese Schnur ist mit einem Netz-Deckel verbunden, der am unteren Ende des  halbkugelförmigen Netzes hängt. Fliegt nun der Neuntöter auf den Stock am Eingang der Falle, wird er sich nach kurzer Zeit auf das Insekt konzentrieren. Das ist der Moment, wo die Falle zuschnappt, also wo ein Jäger rasch am Stock zieht, um so das halbrunde Netz mit dem an der Schnur befestigten Netz-Deckel zu schliessen. Der gefangene Neuntöter wird nun betrachtet. Ist er schon zu alt, so wird er wieder freigelassen und man muss erneut die Falle in Betrieb nehmen. Man gibt sich erst zufrieden, wenn man einen jungen Neuntöter gefangen hat. 

Nun beginnt für den Neuntöter die einen Monat andauernde Trainingszeit. Vor allem muss sich der Neuntöter an die Stimme der Menschen gewöhnen und daran, dass er von Menschen mit Fleischstückchen gefüttert wird. Dazu wird im Wohnzimmer ein etwa 1 1/2 m langer Stock so an der Wand befestigt, dass er abnehmbar ist. Auf diesem kann er hocken. Auch werden kleine Fleischstückchen darauf angebunden, um ihn zu füttern. Der Neuntöter ist am Stock an einer ca. 70 cm langen Schnur angebunden. Instinktiv versucht er immer wegzufliegen, doch durch die Schnur fällt er stets wieder runter. Irgendwann merkt er, dass er angebunden ist. Wenn man jetzt mit dem Stock wackelt, dann fliegt er kurz hoch und landet wieder auf dem Stock. Jetzt ist er soweit, dass man ihn auch kurz mit dem Stock herumführen kann, auch ausserhalb des Hauses. Das allerdings klappt nicht immer zu  

100 %, da sich sein Instinkt dagegen wehrt. 

Wenn er Greifvögel sieht, fängt er an zu kreischen und gibt dadurch ein Warnsignal für andere Vögel, die dann auch loskreischen. Ein Sperber wird dann nicht angreifen. Also muss dafür gesorgt werden, dass der Neuntöter einen Sperber nicht sehen kann. Deshalb wird ein Stück Leder so erhitzt, dass es zu einer Hülle geformt werden kann, die dem Neuntöter über den Kopf gezogen wird, so dass er nur nach unten schauen kann. Er sieht also nur den Stock, fliegt hoch und landet wieder auf dem Stock wie ein Hubschrauber. Dieses Flugverhalten sieht für einen Sperber ganz natürlich aus. Ab jetzt ist der Neuntöter für die Sperberjagd einsatzbereit. 

Ab Mitte August beginnt die Sperberjagd, da dann die Zeit der Zugvögel anfängt (und der Greifvögel). Die Lasen steigen nun mit dem trainierten Neuntöter in die stark bewaldeten Berge, wobei sie ein ganz bestimmtes Gebiet bevorzugen. Sie stellen die Falle auf dem Gipfel eines mittleren Berghügels auf, flankiert auf jeder Seite von einem höheren Bergrücken oder -hügel. Zwischen den beiden Bergrücken liegen tiefe Einschnitte oder Täler. Nun müssen sich die Jäger gut tarnen. Sie bauen auf dem mittleren Hügel ein Gestell von etwa zwei Quadratmetern aus Blättern und Zweigen dergestalt, dass sie in natürlicher Richtung hängen. In Augenhöhe lassen sie Platz für ein schmales Sichtfenster für zwei Personen. Neben diesem Gestell steht senkrecht ein etwa 3 m langer Stock und auf dem Boden liegt ein gleich langer Stock. Zwischen diesen Stöcken ist ein dreieckiges dünnes Netz gespannt, das einem Spinnennetz gleicht. Hinter diesem Netz hockt der Neuntöter auf seinem Stock, der von einer Person bewegt werden kann. Jetzt braucht es viel Geduld und Stehvermögen, Bewegungen sind ab sofort nicht mehr erlaubt. Mit dem Fernrohr beobachten die zwei Jäger durch das Sichtfenster den Horizont und schauen, ob sich unter den vielen Greifvögeln auch Sperber befinden. Sobald sie einen Sperber entdeckt haben, fangen sie an mit dem Stock zu wackeln, so dass der Neuntöter das antrainierte Hubschrauber-Verhalten zeigt. Die zwei Jäger wackeln ungefähr sechsmal mit dem Stock und warten ab, ob der Sperber in das Tal hineinfliegt, wo sie sitzen. Die Chancen dabei stehen 50 zu 50. Fliegt er tatsächlich in das Tal hinein und ist er noch etwa 300 m von der Stelle entfernt, dann wird er den Neuntöter zu 100 % sehen können. Jetzt müssen die Jäger absolut unbeweglich bleiben. Sie wackeln vorsichtig zwei- bis dreimal mit dem Stock. Der Sperber beobachtet den Neuntöter vorerst, um ihn besser sehen zu können. Jetzt drehen die Jäger leicht den Stock, so dass der Neuntöter balancieren muss, aber nicht fällt. Auch wittert er wegen seiner Lederhaube keine Gefahr. Für den Sperber sieht es so aus, als würde sich der Vogel seine Flügel putzen. Dann fliegt der Sperber los mit dem Ziel, sich den Vogel zu schnappen. Zunächst fliegt er mit ausgebreiteten Flügeln, dann zieht er seine Flügel an und fällt dadurch ein paar Meter tiefer, er breitet seine Flügel wieder aus, zieht sie erneut an, fällt dadurch tiefer und wird kleiner. Das  macht er insgesamt zwei- bis dreimal, dann werden die Flügel voll angelegt und mit voller Geschwindigkeit fliegt er ins Netz. Kurz bevor der Sperber den Neuntöter erreicht, wird dieser auf seinem Stock aus der Gefahrenzone gezogen, damit er nicht stirbt, und gleichzeitig werden die beiden beweglichen Stangen zugeklappt. Dann wird der gefangene Sperber kontrolliert. Ist er alt oder ist sein Gefieder hässlich, wird er freigelassen. Ist er aber jung und besitzt schöne gelbrötliche Brustfedern, dann wird er in ein Tuch gewickelt und wie ein kleines Paket beiseite gelegt. Auf dieselbe Art und Weise geht die Jagd weiter bis etwa 16.00 Uhr. Dann kann es sein, dass man bis zu sechs Sperber gefangen hat. Es kann aber auch passieren, dass man nur einen oder zwei oder manchmal sogar drei Tage lang keinen einzigen Sperber fängt. 

Das Training mit dem Sperber ist intensiv und dauert gewöhnlich zwei Wochen. In der Nähe des Hauses der Jäger werden an verschiedenen Stellen in unterschiedlicher Entfernung zum Haus dickere Stöcke in etwa 1.60 m Höhe angebracht, auf denen der Sperber sitzen kann. Der Sperber wird an eine Schnur gebunden, die etwa 1 m lang ist. Um seine inneren Organe zu schützen, falls er auf dem Stock umfällt, wird zudem seine Brust mit einer Schnur geschützt. Am anderen Ende dieser Schnur befindet sich ein Schloss, das an einem Stock befestigt werden kann. Eine Woche lang wird der Sperber auf dem Arm, der mit einen Lederschutz umwickelt ist, von einem Stock zum nächsten gebracht, um ihn an die Menschen und die neue Umgebung zu gewöhnen. Während dieser Zeit wird er vor allem mit hart gekochten Eiern und hin und wieder mit rohem Rindfleisch gefüttert. Nach einer Woche werden beide Krallen des Sperbers  mit Leder umwickelt und auf diesem  Lederschutz wird je ein Glöckchen befestigt. Diese Glöckchen dienen dazu, um ihn später bei der Jagd, falls er weiter fliegen sollte als gedacht, wieder zu hören und ihn wieder einzufangen. In dieser  zweiten Woche beginnt auch eine weitere Trainingseinheit. In etwa 100 m Entfernung stehen sich zwei Männer gegenüber. Auf dem Arm des einen Mannes sitzt der Sperber mit einer etwa 1.50 m langen Schnur. Der gegenüber stehende Mann hat in der Hand ein rohes Stück Rindfleisch in der Grösse eines Würfelzuckers. Dann gibt er ein spezielles Geräusch von sich, um den Sperber anzulocken. Dieser fliegt dann meistens zu dem Mann, setzt sich auf dessen Arm  und holt sich das Futter ab. Es kann vorkommen, dass der Sperber nicht zum Mann vis-à-vis fliegt, sondern beispielsweise auf einen nahen Baum. Dann geht man zu ihm, zieht an der Schnur und der  Greifvogel setzt sich auf den Arm. Die Schnur ist deshalb notwendig, weil sich ein Sperber nicht mit der Hand fangen lässt. Recht selten kann es vorkommen, dass der Sperber weiter fliegt und sich nicht mehr fangen lässt. In der zweiten Woche wird zudem auf den Armschutz verzichtet. Zum einen hat sich der Vogel an den „weicheren Stock“ gewöhnt und greift nicht mehr so stark zu, zum anderen zeigt man den Leuten des Dorfes gerne mit Stolz die vom Greifvogel produzierten Kratzer. Überhaupt sieht man ab Mitte August beim Spaziergang durch den Ort alle paar Meter einen Sperber auf einer Stange zwischen zwei Bäumen oder zwischen zwei Pfeilern bei einem Geschäft im Schatten sitzen. 

Ab dem 15. September beginnt die Wachteljagd. Schwärme von Wachteln fliegen über das Schwarze Meer und landen an der türkischen Schwarzmeerküste im Gebiet der Lasen. Vor allem in der Kreisstadt Arhavi in der Provinz Artvin, die gleichzeitig Provinzhauptstadt ist, ist die Sperberjagd schon seit Urzeiten ein Hobby, das vom Vater auf den Sohn übergeht. Wenn die Wachteln landen, sind sie vom langen Flug müde und entsprechend träge und verstecken sich in Teeplantagen und unter Haselsträuchern. Da sie so unsichtbar sind, kommt jetzt ein Jagdhund zum Einsatz. Auf einem Arm sitzt der Sperber mit seiner Schnur, an der anderen Hand führt der Mann einen etwa 1,5 m langen Stock. Wenn der Jagdhund anschlägt, d. h. es sieht so aus, als wolle der Hund noch einen Schritt machen, eine Pfote sowie den Schwanz nach oben gerichtet, überholt der Jäger den Hund und schlägt dort mit dem Stock ins Unterholz, wo er die Wachtel vermutet, um sie aufzuschrecken. Sobald sie fort fliegt, tut sie dies ohne Zick-Zack in gerader Linie. Der Sperber hat an dem Tag nichts zu fressen bekommen, ist entsprechend hungrig und fliegt sogleich hinter der Wachtel her. Nach ungefähr 50 bis 70 m fängt er das Tier mit seinen Krallen, landet dann auf dem Boden und verharrt dort ein paar Minuten, bis die Wachtel sich nicht mehr bewegt. Dabei beobachtet der Sperber die Umgebung und sucht womöglich bereits einen sicheren Ort, wo er sein Opfer verzehren kann. Diese Zeit nutzen die Jäger, um zu ihm zu gelangen und an seiner Schnur zu ziehen. Sofort fliegt der Greifvogel auf den Arm des Ziehenden und der gibt ihm ein Stück Fleisch als Belohnung. Die Wachtel legt er in einen Korb.  

Die Wachteljagd dauert etwa 2 – 3 Stunden. Während dieser Zeitspanne werden ca. 5 – 8 Wachteln gefangen, manchmal mehr, manchmal weniger. Üblicherweise sind an der Jagd  

3 – 4 Personen beteiligt, wobei jede Person einen Hund hat. Der Hund hilft auch beim Einfangen eines Sperbers, der weiter weg geflogen ist. Ganz selten geht ein Sperber definitiv verloren. Die eingefangenen Wachteln landen zuhause im Reistopf und geben ein sehr leckeres Mahl ab. 

Wenn die Wachtel-Saison vorbei ist, werden die Sperber i.d.R. freigelassen. Der türkische Staat verbietet grundsätzlich die Sperberjagd, hat jedoch den Lasen eine Sondergenehmigung erteilt unter der Bedingung, dass sie die Sperber nach Beendigung der Wachteljagd wieder frei lassen. Diejenigen Lasen, die mit Hilfe von Sperbern Wachteln jagen dürfen, benötigen einen Jagdschein. 

Zum Abschluss möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei Tuba und Mesut Gönç für die gelungene Organisation dieser Studienreise sowie bei Ceyhun Cebeci für seine Geduld beim ausführlichen Niederschreiben meiner Notizen über die Sperberjagd bedanken. 

Binningen, August 2014